Online-Talkrunde in einer Doppelkrise

Darmkrebsvorsorge unter Corona-Bedingungen

(23.11.2020) Die Darmkrebsvorsorge in Deutschland ist eine allgemein anerkannte Erfolgsgeschichte. Dennoch bläst ihr zurzeit von allen Seiten der Wind ins Gesicht. Corona verschärft die Lage. In einer online-Talk-Runde haben Experten und prominente Unterstützer aus Politik und Gesellschaft eindringlich darauf hingewiesen, dass Vorsorge auch in Krisenzeiten unverzichtbar ist und ohne erhöhte gesundheitliche Risiken in Anspruch genommen werden kann und sollte.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn appellierte gleich zu Beginn der Veranstaltung unter Verweis auf die 26.000 Frauen und 32.000 Männer, die jedes Jahr in Deutschland an Darmkrebs erkranken, an die Zuhörer: "Nutzen Sie die Früherkennungsangebote, tun Sie es für sich, tun sie es für uns alle." Im Gespräch mit dem ehemaligen Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr mahnte Dr. Albert Beyer vom Berufsverband der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte, mehr für die Darmkrebsvorsorge zu tun, und verwies auf die 180.000 Darmkrebs-Fälle, die in den ersten zehn Jahren des Screening-Programms verhindert worden sind. Ex-Minister Bahr pflichtete ihm uneingeschränkt bei: "Die Zahlen sind beeindruckend und sollten ermutigen, wieder Gas zu geben."

Wie nötig solche Appelle zurzeit sind, machte Prof. Dr. Jürgen Riemann von der Stiftung Lebensblicke deutlich: "Corona hat zu einem Rückgang bei Darmspiegelungen um bis zu 40 Prozent geführt." Er befürchtet, dass wir auch in Deutschland mit einigen Hundert zusätzlichen Darmkrebs-Toten pro Jahr rechnen müssen. Trotz des motivierenden Effektes durch das neu eingeführte Einladungsverfahren, warnt er, dass die Anfang des Jahres ergangenen Beschlüsse zur drastischen Verkürzung der Untersuchungszeit bei Darmspiegelungen sowie die gleichzeitige Absenkung der Erlöse für die untersuchenden Ärzte alle Appelle zur Vorsorge konterkarieren. Riemann: "Die Koloskopie ist eine Leistung, die sorgfältig und qualitätsbewusst erbracht werden muss. Eine Zeitverkürzung führt genau zum Gegenteil."

Claudia Liane Neumann von der Initiative junge Menschen mit Darmkrebs betonte, wie wichtig es für sie sei, dass sich der Arzt Zeit nimmt: "Ich möchte genau wissen, was ich wann wieso tun muss, dass ich die Gründe dafür kenne, und zur Untersuchung ist mir wichtig, dass die Zeit dafür da ist, genau zu inspizieren und dass es keine Husch-husch-Untersuchung wird." Hygiene-Managerin Christine Hofer berichtete von den großen Anstrengungen, die Praxen unter höchsten Sicherheitsstandards unternehmen. Ihren Worten zufolge haben die niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte im Frühjahr sehr schnell reagiert und Empfehlungen für Maßnahmen im Umgang mit Corona erarbeitet. Sie zeigte sich überzeugt, dass die Magen-Darm-Ärzte gut auf die "zweite Welle" vorbereitet sind und niemand Angst haben muss, sich untersuchen zu lassen.